Nein, ich twittere nicht. Oder vielmehr nicht über twitter.com. Mittlerweile erlaubt jedes bessere Social-Network die Angabe einer freien Statusmeldung oder aktuellen Aktivität, die im jeweiligen Activity-Feed der Freunde angezeigt wird.
Ich bevorzuge MySpace um meine Umwelt über das letzte Frühstück zu informieren. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe:
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Die Länge: Eine Meldung umfasst mit 140-160 eine sehr geringe Zeichenanzahl. Benutzt man seinen Twitter-Account nur als Linkschleuder ist das ausreichend. Versteht man eine Meldung aber als Teil einer umfassenden Kommunikation, ist das viel zu wenig. Wenn ich nur 140 Zeichen habe, dann muss ich beim Leser notgedrungen ein Mindestmaß an Kontextwissen voraussetzen zu meinem Umfeld, meinem Handeln und was in letzter Zeit geschehen ist.
Wenn es fehlt, führt das schnell zu Missverständnissen. Selbst im Freundeskreis passiert es hin und wieder, dass ein unbedachtes "endlich ist es vorbei" zu fatalen Trennungsgerüchten führt.
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Die Verknüpfung: Es ist frustrierend, wenn jemand schreibt, dass er Fotos hochgeladen hat. Und ich dann raten muß, ob auf seinem Blog, bei Flickr oder der lokalen Party-Community. Bei Social-Networks genügen ein, zwei Links um auf die Fotoseiten des Schreibers zu gelangen.
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Die Relevanz: Viele Meldungen sind vor allem eines - letztlich Smalltalk einer immerwährenden Familienfeier. Vieles hat lokalen Bezug, Bezug zu vergangenen und aktuellen, gemeinsamen Erlebnissen. Innerhalb des eigenen Freundeskreises dienen die Meldungen der sozialen Bindung. Für reine "Follower" sind die meisten Meldungen unverständliches Rauschen.
Abgesehen davon haben die Meldungen aber auch einen anderen Aspekt. Die Statusmeldungen fungieren als Schmiermittel für soziale Bindungen. Sie sind Aufforderungen zum Gespräch. Sie sagen "He, ich hab grade ein wenig Zeit und wer Lust hat, kann mich per ICQ&Mail ansprechen". Und wenn es nicht unmittelbar klappt, so nutzen andere die Meldung, um am Wochenende beim Treffen in Kneipe, was es denn mit der Meldung auf sich hatte. Und das passiert durchaus häufiger. Das gilt auch umgekehrt. Nur wenige sind der Lage, bei Problemen direkt Andere anzusprechen, und um Hilfe zu bitten. Eine entsprechende Meldung erlaubt es ihnen, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen und so um ein Gespräch zu ersuchen.
Gerade dieser letzte Punkt funktioniert eben nur in "geschlossenen" Leserkreisen. Es ist richtig, dass die Statusmeldung zum Beispiel bei MySpace öffentlich einsehbar ist. Innerhalb der eigenen Übersichtsseite bekommt man aber davon wenig mit. Darin stellt es sich als geschlossener Leserkreis dar - und dieser wird nur aus denjenigen Personen gebildet, die man auch aus Freunde ausgewählt hat. Damit besteht ein Gefühl des geschlossenen, beschränkten Leserkreises.
Wer also jemanden für Twittern mit dem Argument begeistern will, dass die ganze Welt mitlesen kann, hat ihn schon effektiv abgeschreckt.
Die Notwasserung eines Flugzeugs in New York und die Geiselnahmen in Mumbai sind gern genannte Paradebeispiele für den schnellen Bürgerjournalismus per Twitter. Zwei entscheidende Punkte werden dabei übersehen: Was bringt die Schnelligkeit? Wie vertrauenswürdig ist die Aussage?
Twitter würde das Medium werden, auf dem Informationen zu erst noch vor allem Medien veröffentlicht werden. Die Zeitdifferenz betrug zwischen der ersten Twittermeldung und ersten Agenturmeldungen ca. 15 bis 45 Minuten.
Eine Zeitspanne, die für Aktienhandler und Journalisten relevant ist. Der Rest der Menschheit wird diese Spanne überhaupt nicht wahrnehmen, Nachrichten werden zumeist in festen Intervallen und zu festen Zeiten konsumiert. Netterweise sind Aktienhandler und Journalisten durchaus bereit für den Zeitvorsprung zu zahlen, vorausgesetzt Twitter würde ihnen vernünftige Zugriffszeiten garantieren und Mechanismen bieten, um relevante Meldungen auch zu finden.
Nun sind Mumbai und New York Millionenstädte, Twitter war überhaupt nicht notwendig, um Journalisten und die Welt schnell auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen. Wieviele Leute haben zum Telefon gegriffen, um wen auch immer zu erzählen, dass gerade auf dem Fluß ein Flugzeug nieder geht oder nieder gegangen ist?
Twitter ist im Grunde genau dort schnell, wo auch der normale Informationsfluß durch die schiere Masse an Menschen schnell ist. Je mehr Menschen potenzielle Augenzeugen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass einer zum Telefon, Email, Twitter&Co greift und das Gesehene verbreitet. Oder kürzer: Twitter ist da schnell, wo auch normale Medien schnell wären.
Ob Twitter wirklich eine neue Ära einleitet, wird sich erst zeigen, wenn etwas in Kuhschnappel passiert. Oder irgendwo in der russischen Tunga und im kongolesischen Dschungel. Orte, an denen eben keine TV-Kamera in 30 Minuten am Geschehen dran ist.
Dann haben wir nur eine einzelne Meldung und vielleicht noch einige Handy-Schnappschüsse auf einer Fotoseite. Werden sie überhaupt entdeckt? Wie lange dauert es, bis sie entdeckt werden? Und wenn, wie können die Meldung verifizieren?
Twitter liefert nur bedingt Informationen, die uns helfen, eine Person hinter einer Meldung zu identifizieren. Lese ich hingegen eine Statusmeldung eines Nutzers in einem Social Network reicht ein Mausklick um auf sein Profil zu kommen. Ich kann dort prüfen, ob er Freunde hat (wenig wäre schlecht), ob er sich tatsächlich in der betroffenen Gegend leben könnte (viele Freunde im regionalen Umfeld wären gut) und ob er die Plattform aktiv nutzt (viele Fotos, Blog-Beiträge, Kommentare). So abgesichert, kann sich ein Journalist auf den Weg machen und eine Meldung verifizieren und zu einer Nachricht machen.
Einen Twitter-Account anzulegen und dazu einige falsche Follower erfordert wenig Aufwand, im Gegensatz zu einem glaubhaften, aber gefälschten MySpace- oder Facebook-Profil. Ich vermute, wir werden 2009 die ersten vorgeblich viralen Werbekampagnen erleben, die sich das zunutze machen werden.
Es wäre ein Gewinn gewesen, wenn Facebook tatsächlich Twitter übernommen hätte, aber allein hat Twitter mittelfristig wenige Chancen zu bestehen. Den Nutzerzahlen-Peek erwarte ich 2010. Ohne Erhöhung des Nutzwertes wird danach keine wirkliche Steigerung mehr stattfinden.
