Man muss Chemnitz zu Gute halten, dass es durchaus nicht mit Kunst im öffentlichen Raum spart. Da haben wir auf der einen Seite
zumeist privat organisierte Kunstaktionen, die das Stadtbild bunter machen und selten länger als ein halbes Jahr zu sehen sind,
wegen Vandalismus einerseits und unerbittlichen Stadtbehörden andererseits. Dem gegenüber stehen städtisch initiierte
Projekte, die viele Jahre stehen und kaum von Vandalismus betroffen sind. Letzteres liegt darin, dass sie zumeist sehr
gut versteckt und kaum wahrnehmbar sind.
Paradebeispiel dafür ist die "Scheibe". Ja, "Scheibe". Eigentlich "Mahn-Scheibe", aber das klingt noch bescheuerter als "Scheibe" allein.
Schauen wir uns die Scheibe an:
Ja richtig, eine abgedunkelte Scheibe, mitten im Hinterhof der Innenstadt. Und nein, da haben sich Bauarbeiter keinen Scherz erlaubt.
Sie befindet sich im Hof der Alten Hauptpost, sicherheitshalber hier die Position per Google Maps:
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Als mutiger Anti-Tourist stellen wir uns direkt davor und schauen durch, wobei es keine Rolle spielt, von welcher Seite sie durchschauen. Sollten sie gerade nicht vor der Scheibe stehen, nehmen sie eine Sonnenbrille zu Hand. Der Effekt ist identisch. Nun schweifen wir mit dem Blick nach unten und sehen eine digitale Zeitanzeige. Wenn sie nur die Sonnenbrille vor sich her tragen, schauen sie auf ihre Armbanduhr oder die Zeitanzeige ihres Handys.
Ein hübscher, stylischer Radiowecker, nicht wahr? Na eine Idee, wessen hier gemahnt werden soll? Wenn sie dabei an die Abschaltung des Schwarz-Weiß-Fernsehens zugunsten des Farbbildes denken, liegen sie nicht ganz falsch.
Wenn Sie gerade direkt davor stehen, werden sie feststellen, dass zwei Daten angezeigt werden - einmal das aktuelle Datum und dann den 5.3.1945. Sie brauchen Google nicht anzuwerfen: Es ist der Tag der Bombardierung von Chemnitz durch die Allierten.
Geschaffen von Silke Rehberg, war die Scheibe der 1. Platz eines Wettbewerbes, ausgeschrieben von der Stadt anlässlich des 50. Jahrestages der Bombardierung 1995. Nun kann man positiv an der Scheibe finden, dass sie eben nicht den üblichen Betroffenheitspathos bedient. Nur passt sie damit besser in eine Galerie als in ein windiges, ignorantes Abseits.
In einer Galerie wäre auch der nachfolgende Unfall nicht passiert, der die Scheibe kurz nach der Einweihung für kurze Zeit letztmalig ins Gespräch brachte: Ein LKW fuhr beim Rangieren dagegen. Das Resultat waren hübsche, kreisförmig auslaufende Sprünge im Glas, die nach einhelliger Meinung der Chemnitzer das abstrakte Werk überhaupt erst zum echten, begreifbaren Mahnmal für die Bombenopfer machten. Die Stadt entschied sich trotzdem die nun kaputte Scheibe durch eine neue zu ersetzen.
Dies war auch die letzte Aktion der Stadt, die mit der Scheibe zu tun hatte; sie spielt seit dem keine Rolle mehr im Chemnitzer Veranstaltungs- und Gedenkplan.
Das ist umso bedauerlicher, da gerade abstrakte Werke als Mahnmale im steten Gespräch gehalten werden müssen, damit sie überhaupt eine Wirkung entfalten können.
Und übrigens, bis auf den LKW-Unfall, war die Scheibe nie von Vandalismus betroffen - obwohl wir über eine simple Glasscheibe in einer gottverlassenen Ecke sprechen.
Die Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Ellen Malaka
