Mit diesem Eintrag beginne ich eine kleine Serie über Sehenswürdigkeiten,
die man in Chemnitz gesehen haben muss - und wenn Sie nur mal mit dem Auto
daran vorbei fahren. Manche Dinge finden Sie unverständlicherweise in
keinem Reiseführer oder in den Darstellungen des Fremdenbüros. Andere Dinge stehen
zwar darin, lassen aber genau die Informationen vermissen, welche den Kenner
vom Touristen unterscheiden.
Ich habe gehadert, ob ich tatsächlich mit IHM anfange. Aber die aktuelle Weltlage
lässt es eigentlich nicht anders zu - sie bietet nämlich einen schönen
Artikel-Abgang über Chemnitz an sich. Dazu aber eben mehr am Ende.
Der Karl-Marx-Kopf. Lesen Sie ruhig den Artikel
Karl-Marx-Monument
in der Wikipedia. Er ist ganz ok, und wenn Sie großmütig über ihr Wissen
parlieren, wird Sie jeder eindeutig als Tourist erkennen.
Zuerst: Karl-Marx-Monument sagt keiner. Lesen oder hören Sie es, dann haben
Sie es direkt oder indirekt mit irgendeinem offiziellen Dokument zu tun,
oder Sie telefonieren gerade mit einem Amt. Umgekehrt sollten Sie die
Formulierung verwenden, wenn Sie mit Ämtern in Chemnitz zu tun haben.
Das macht Eindruck!
Als nächstes: Sagen Sie niemals Nischel. Es ist eine nicht-aussterbende
Legende, dass die Chemnitzer das Ding so nennen. Sie tun es nicht. Nur
Auswärtige machen das, weil sie der Legende glauben. Und TV- und Radio-Sprecher,
die irgendwie Heimatnähe versprühen wollen. Sollten Sie es doch einmal von
Einheimischen hören, dann immer mit einem ironischen Unterton.
Außerdem sollten Sie es aus einem anderen Grund nicht versuchen, das Wort
auszusprechen: Sie brauchen schon erzgebirgische Gene, um das Wort wirklich
würdevoll auszusprechen. Wenn Sie es doch probieren wollen, dann müssen Sie das
"Nischel" erstens vernuschelt aussprechen, es klingt eher wie schnell gesprochenes
"Nisch-L". Wobei das "i" mehr oder weniger in ein "ö" abkippt. Und geben Sie dem
Ganzen einen grollend-drohenden Unterton. Üben Sie am besten mit einem Satz wie
"Ich geb dir einen auf den Nischel!". Erzgebirgler klingen immer grollend-drohend.
Das macht Sie zu gefürchten Firmen-Chefs in ganz Deutschland.
Nun die Auflösung: Sagen Sie ein einfach "Marx-Kopf" - "Wir treffen uns am/beim Marx-Kopf".
Verkürzen Sie nicht zu "Marx" oder "Kopf", sie werden nur gefragt, wo diese Kneipe denn wäre.
Zu den größten Mysterien für Nicht-Chemnitzer gehört das Verhältnis des Chemnitzers zum Marx-Kopf.
Das Verhältnis des Chemnitzers zum Marx-Kopf ist zwiegespalten. ER ist nicht
offizielles Stadtsymbol, sondern ein vollkommen bedeutungsloser Turm, dessen einzig Verdienst es
ist, 800 Jahre unbeschadet überstanden zu haben - ok, das ist in Chemnitz ein wirkliches Wunder.
Sie werden es auch nie erleben, dass irgendeine offizielle Stadtveranstaltung vor Ihm
stattfindet. Zu Stadtfesten wird er sorgfältig mit den größten Fahrgeschäften und Losbuden zugebaut.
Seine Liebe zu Ihm entdeckt der Chemnitzer nur dann, wenn er tatsächlich oder eingebildet
gefährdet ist. Das Wort Liebe ist eigentlich falsch gewählt. Es ist vielmehr ein grundlegender
Minderwertigkeitskomplex. Auch wenn der Chemnitzer Ihn ursprünglich nicht wollte,
so wacht er doch eifersüchtig auf alles, was er einmal hat. Sobald aber die Gefahr
vorbei ist, dann weist er jede Assoziation zwischen Chemnitz und Ihm weit von sich.
Und hier kommen wir zur Finanzkrise zurück. Er musste sehr oft in den letzten
Wochen als Symbolfoto in den Online- und Print-Nachrichten herhalten. Nun würde
ein cleverer Stratege diese Steilvorlage des kostenlosen Marketings mit einer
schicken Anzeigenkampagne flankieren. Aber Nein. Der Chemnitzer will eben nicht
mit Ihm assoziiert werden. Obwohl die Weltstimmung fröhlich in Richtung Marx geht,
Chemnitz mit Ihm tatsächlich zur Stadt einer Neuen Moderne werden könnte. An der Spitze
der Bewegung zu stehen verträgt sich aber nicht mit dem ewigen Mantra des
selbsternannten Underdogs und des sorgsam gepflegten Minderwertigkeitskomplexes.
Die Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Ellen Malaka
